Regensburger Schwulen- und Lesbeninitiative
Verein gegen Diskriminierung von Homosexualität





Die Volontäre der Regensburger Medienhäuser diskutierten mit Gästen über die Gleichstellung der Homoehe und die Definition von Familie.

Regensburg. Mama, Mama, Kind – wie definiert man Ehe und Familie? Ist das Kindeswohl in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft garantiert? Die volle Gleichstellung der Homoehe war Donnerstagabend das Thema der Podiumsdiskussion im Presseclub. Die Volontäre verschiedener Regensburger Medienhäuser hatten den Abend organisiert und moderiert. Die Gäste auf dem Podium versprachen eine kontroverse Diskussion: Auf der einen Seite saß der frischgebackene CSU-Bundestagsabgeordnete Philipp Graf von und zu Lerchenfeld, auf der anderen der erste offen schwul lebende Grünen-Landtagsabgeordnete Jürgen Mistol und die Familien-Psychologin Christina Sieber, die in einer eingetragenen Partnerschaft lebt.

Erst im Juni hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass eingetragene Lebenspartnerschaften gegenüber traditionellen Ehen nicht länger steuerlich benachteiligt werden dürfen. Graf Lerchenfeld meinte, das Bundesverfassungsgericht habe sicher gute Gründe für seine Entscheidung gehabt, fürchtete aber um die in der Verfassung herausgehobene Stellung der Ehe zwischen Mann und Frau. Diese sei eine „einzigartige Institution“ und Grundlage der Familie, die er als Keimzelle des Staatswesens bezeichnete.

Paradoxe Rechtslage

Jürgen Mistol vertrat erwartungsgemäß die gegenteilige Position. Es sei schade, dass die Gerichte die Politik machen müssten – diese solle sich nach Mehrheiten in der Gesellschaft richten, die durchaus für eine volle rechtliche Gleichstellung seien. In der Wertigkeit sehe er keinen Unterschied. Auf das Argument von Lerchenfeld, die traditionelle Ehe sei auch auf Vermehrung ausgelegt, entgegnete Mistol, Kinder könnten schließlich auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften existieren: „Familie ist dort, wo Kinder sind und Menschen, die füreinander Verantwortung übernehmen.“

In einer solchen „Regenbogenfamilie“ lebt auch die Kinder- und Familienpsychologin Christina Sieber. Sie hat einen leiblichen zweijährigen Sohn, der von ihrer Lebensgefährtin erst adoptiert werden musste – ganz anders als in einer Ehe, wo der Mann automatisch alle Rechte habe, „auch wenn er nicht der Vater ist“. Eine Rechtslage, die paradox klingt. Die Adoption ist einer der wenigen Punkte, in denen eingetragene Lebenspartnerschaften traditionellen Ehen noch nicht gleichgestellt sind.

Kinder brauchen gesundes Familienklima

Auch Lerchenfeld ist skeptisch, wenn es darum geht, Kinder bei gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen zu lassen: Kinder müssten beide Geschlechterrollen erleben. Sieber hakte sofort ein: „Ein Kind wächst auch in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft nicht im Keller auf“, erklärte sie. Gerade homosexuelle Paare würden sehr genau über diese Fragen nachdenken – eben weil Kinder ihnen nicht so einfach „passieren“ könnten wie heterosexuellen Paaren. Ein Kind brauche ein gesundes Familienklima – entscheidend seien Fürsorge, Liebe und Sicherheit. Sie sorge dafür, dass ihr Sohn genug Kontakt zu Männern habe – und zwar zu verschiedenen Typen von Männern, was in einer heterosexuellen Partnerschaft so oft nicht möglich sei. Sie zitierte Studien, die belegen, dass Kinder, die in homosexuellen Partnerschaften aufwachsen, keine Entwicklungsdefizite aufweisen. Auch das Argument, die Kinder müssten mit Diskriminierungen rechnen, ließ sie nicht gelten – für Mobbing gebe es auch andere Gründe, und Anfeindungen seien kein Grund, einer Gruppe von Menschen zu verweigern, Kinder großzuziehen. Ihr Sohn wisse außerdem genau über seine Wurzeln Bescheid und kenne seinen Vater. Dieses Modell wurde von allen anwesenden als vorbildlich bezeichnet. Auch Graf Lerchenfeld betone immer wieder, dass er homosexuelle Partnerschaften natürlich akzeptiere, aber nicht fördern wolle.

„Gesellschaftlich noch viel zu tun“

Von Diskriminierungen war trotzdem auch die Rede: Jürgen Mistol gab an, bei seiner Partei sei er immer mit offenen Armen empfangen worden – das sei aber nicht bei jeder Partei der Fall. Und er erzählte eine Geschichte aus der Zeit, als er in Regensburg Soziologie studierte: Als er nach einem Buch über Homosexualität gesucht habe, war dieses in der Bibliothek zwischen Texten über Prostitution und Pädophilie eingeordnet – unter der Kategorie „abnormes Sexualverhalten“. „Das fand ich damals schon heftig“, sagte Mistol. Erfahrungen mit Diskriminierung hat auch Wolfgang Klein von der Regensburger Schwulen- und Lesben-Initative, der sich seit Jahren für mehr Rechte für Homosexuelle einsetzt. Bei einer Kundgebung vor Jahren habe der damalige Bürgermeister Viehbacher noch gedroht, das Mikrofon abzustellen und gelobt, keinen Verein zu unterstützen, wo auch nur der Verdacht bestünde, dass ein Homosexueller dabei sei. Heute erscheine Bürgermeister Wolbergs ganz selbstverständlich auf dem Christopher-Street-Day. „Rechtlich haben wir viel erreicht, gesellschaftlich aber gibt es noch viel zu tun“, erklärte Klein, der selbst in einer eingetragenen Partnerschaft lebt. Volle gesellschaftliche Akzeptanz werde es nie geben, prophezeite auch Sieber – denn Homosexuelle seien schließlich eine Minderheit.

Am Ende der sehr sachlichen Diskussion, bei der sich auch die Zuhörer am Ende sehr zahlreich beteiligten, baten die Moderatorinnen die Gäste um einen Blick in die Zukunft. Graf Lerchenfeld hoffte, dass „der Ehe ein besonderer Schutz zugedacht wird“. Professor Martin Löhnig von der Universität Regensburg sieht allerdings eine Entwicklung in Richtung volle Gleichstellung: „Das Urteil zur Volladoption ist schon geschrieben, und in den nächsten zehn Jahren wird uns der europäische Gerichtshof für Menschenrechte das Wort ,Ehe‘ aufoktroyieren“.

Erschienen in der Mittelbayerischen Zeitung, 27.09.2013

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